Thomas Glavinic versucht, sich nicht zu wiederholen.

Literatur wird ihm immer unwichtiger, er verplempert Zeit mit Facebook und verrät nicht, woran er arbeitet.

Vielleicht tut er es, wenn er bei uns ist.

THOMAS GLAVINIC, ist am 30. Juni Gast des Judendorf-Straßengler Literaturfestivals.

Eine E-Mail-Unterhaltung mit Robert Preis

 

 

Thomas Glavinic

K3:
Vielen Dank, Thomas, dass Du Dir Zeit für ein E-mail-Interview nimmst. Du bist am 30. Juni in Judendorf-Straßengel bei unserem Festival – bist Du schon zuvor einmal hier gewesen?

Thomas Glavinic:

Mit Sicherheit ein paar Mal durchgefahren, aber ob es einen längeren Aufenthalt gab, weiß ich nicht mehr.

 

K3:
Du lebst in Wien, kommt Du noch oft in die Heimat nach Graz? 

TG: Leider zu selten. Wenn, dann vor allem im Frühjahr und Sommer, speziell die Weststeiermark hat es mir da angetan.

 

K3:
Welches war Dein erstes schriftstellerisches Werk?

TG: Daran erinnere ich mich nicht. Irgendwas Schlechtes jedenfalls! Oder halt, doch, es war ein Filmdrehbuch bzw. der Versuch eines Drehbuchs. Da war ich aber erst 11.

 

K3:
Du schreibst extrem unterschiedlich, polarisierst. Mir selbst hat zum Beispiel „Die Arbeit der Nacht“ überhaupt nicht gefallen, „Der Kameramörder“ und „Wie man leben soll“ dafür wieder sehr. Warum ist das so – versuchst Du absichtlich jedes Buch anders zu machen, oder passiert das?

TG: Ich versuche, mich nicht zu wiederholen, mich interessiert es nicht, etwas zu machen, von dem ich vorher bereits weiß, dass ich es kann und dass es mir gelingen wird. Ich muss mich der Gefahr des Scheiterns aussetzen.

 

K3:
Welches ist Dein persönliches (selbst geschriebenes) Lieblingsbuch und warum?

TG: Die Arbeit der Nacht. Es ist einfach dasjenige meiner Bücher, für das ich am weitesten in mir selbst hinabgestiegen bin, auch wenn sich das jetzt ein wenig unbeholfen anhört. Besser kann ich es leider nicht erklären.

 

K3:
Dein jüngstes Buch handelt von einer Pilgerreise. Darin schilderst Du auch in der Ich-Form den Hang des Romanhelden zu Alkohol und Tabletten. Wieviel Wahrheit steckt da drinnen?

TG: Das ist ein Reisebericht, alles darin ist wahr. Jedenfalls handelt es sich bei diesem Buch um keinen Roman. Der Ich-Erzähler bin ich, aber einen Hang zu Alkohol und Tabletten würde ich für mich in Abrede stellen. Jemand wie ich hält es in Medjugorje anders einfach nicht aus, speziell nicht mit Angina und 40 Grad Fieber.

 

K3:
Wie gehst Du beim Schreiben und Recherchieren vor? Bist Du mehr ein intuitiver Autor, oder planst Du jedes Detail im Voraus?

TG: Sowohl als auch. Erst kommt die Reflexion, das Erwägen der Struktur, das Sammeln von Ideen, dann, am Schreibtisch, wird es oftmals sehr intuitiv.

 

K3:
Woran schreibst Du gerade?

TG: Das verrate ich nicht, ich bin da abergläubisch.

 

K3:
Wann wird man es im Buchladen sehen?

TG: Das wird noch dauern. Nicht vor 2014, glaube ich, aber wer weiß.
K3:
Kann Literatur die Welt verändern?

TG: Was ist die Welt? Literatur kann einzelne Menschen verändern. Wenn man das so definieren will, ja klar, dann kann sie einen Teil der Welt verändern. Aber eine einzige Bombe an der richtigen Stelle verändert sehr viel mehr als alle Romane zusammen, insofern sollte jemand, der die Welt verändern will, lieber im Chemie-Unterricht aufpassen als in der Deutschstunde.

 

K3:

Welche Bedeutung hat Literatur für Dich?

TG: Das kann ich unmöglich beantworten. Literatur ist ein Teil der Außenwelt und ein Teil von mir. Eigentlich ein seltsamer Gedanke. Sie wird mir allerdings immer unwichtiger.

 

K3:
Was machst Du, wenn Du nicht schreibst?

TG: Leben. So wie alle anderen auch. Nicht besonders ungewöhnlich, mein Leben. Ich esse, trinke, schlafe, treffe Freunde, verbringe Zeit mit meiner Freundin oder mit meinem Sohn oder mit Freunden, ich schaue fern, ich lese, ich verplempere Zeit auf Facebook… und manchmal beantworte ich Fragen wie diese, ehe ich mich wieder auf meine Couch zurückziehe, wo ich mich dann frage, was mit dem Rest des Tages anzufangen wäre.

K3:
Vielen Dank Thomas, für Deine ausführlichen Antworten. Bis bald!