„Mich hat meine Kunst verändert.“

Er fühlt sich sauwohl, ist eine ganze Galaxie vom Wuchtel schieben entfernt und weiß alles über Erdäpfel und Glühbirnen.

Der Grazer Kabarettist JÖRG MARTIN WILLNAUER ist am

29. Juni zu Gast beim „Lachen und Lesen“-Literaturfestival in Judendorf-Straßengel.

 

K3:

Vielen Dank Jörg-Martin, dass Du Dir Zeit für dieses Interview nimmst. Du bist Ende Juni in Judendorf-Straßengel bei unserem Festival – das Thema lautet “Lachen und Lesen”. Bist Du ein lustiger Mensch?
JMW: Natürlich nicht. Wie alle Kollegen bin ich fast immer todernst. Nur über bestimmte Fragen kann ich lachen. Zum Beispiel über diese!

K3:

Du bist aus drei Schulen rausgeflogen und zweimal sitzen geblieben. Kann man daraus schließen, dass Kabarettisten dem Ernst des Lebens nicht wirklich gewachsen sind?
JMW: Die Schule ist dem „Ernst des Lebens“ nicht gewachsen, ich schon. Ob meine Kollegen dem „Ernst des Lebens“ gewachsen sind, weiß ich nicht. Aber sicher ist, dass das von meiner schulischen Laufbahn völlig unabhängig ist.

K3:

 … nachdem Du aber eindeutig erfolgreich bist, könnte man auch fragen: Ist der Ernst dem Leben gewachsen?
JMW: In meinem Metier ist es eher üblich, Fragen zu stellen, als Fragen zu beantworten.
Unabhängig davon riecht mir diese Frage nach Kümmelspalterei.

K3:

Wir haben Dich zu einem Literaturfestival eingeladen – fühlst Du Dich überhaupt als Literat, oder doch eher als Kabarettist oder als Musiker?
JMW: Kabarett ist eine Mischung aus Musik, Literatur und Theater. Und genau auf dieser Schnittstelle fühle ich mich sauwohl.

K3:

LiteratInnen gelten als die ernsten Seelen, als die zurück gezogen lebenden PhilosophInnen des Kulturbetriebes. Die KabarettistInnen hingegen sind die Wuchteln schiebenden Kasperln. Wie viel Ernst steckt im Kabarett?
JMW: Der Begriff „Kabarett“ ist inzwischen so inflationiert wie „Nachhaltigkeit“ oder „Umweltfreundlichkeit“. Eine Definition des Begriffs ist mir nicht mehr möglich. Aber sicher ist, dass ich von den „Wuchteln schiebenden Kasperln“ ungefähr eine Galaxis entfernt bin.

K3:

Wir haben Dich noch nie bei „Was gibt es Neues“ gesehen. Erlaube uns einen kleinen Test: Was ist ein Wurzelkreuz? Wir wollen jetzt mindestens 3 lustige Antworten hören – auch wenn Du die richtige Antwort wissen solltest …

JMW:

a) wenn sich zwei Quadratwurzeln im rechten Winkel kreuzen, entsteht ein Wurzelkreuz.
b) Meine Masseuse sagt, wenn ich zu lange am Klavier sitze, fühlt sich mein Rückgrat an wie ein Wurzelkreuz.
c) eine spezielle Form von Kreuzworträtsel, in dem aus allen Begriffen eine etymologische Wurzel gezogen werden muss.

K3:

Fühlst Du Dich als Künstler – auch angesichts solcher Fragen – ausreichend wertgeschätzt?
JMW: Durchaus.

K3:

Künstler werden gerne gefragt, ob Sie glauben, mit ihrer Kunst die Welt verändern zu können. Du hast vor wenigen Jahren einen Ausflug in die Politik versucht, von dem Du aber rasch wieder heimgekehrt bist. Waren Dir die Grenzen des Erreichbaren als Künstler zu eng gesteckt?
JMW:
a) Dass meine Kunst die Welt verändert, kann ich beweisen: Ich bin ein Teil der Welt und mich hat meine Kunst verändert.
b) Die Politik hat ihre Gestaltungsmöglichkeiten grob fahrlässig aufgegeben, die Kunst hat diese Gestaltungsmöglichkeiten nie gehabt.
Unabhängig davon: Kreativität ist im politischen Milieu keine Kategorie. Leider.

K3:

Was kannst Du uns über Erdäpfel und Glühbirnen erzählen?
JMW:
Das ist der Titel meiner neuen CD. 15 Chansons aus meiner Feder. Vier davon finden sich auf der deutschen Liederbestenliste. Zwar nur alphabetisch gereiht, also aufgrund meines Familiennamens weit hinten, aber trotzdem ein Grund zur Freude. Näheres findet sich unter www.willnauer.at

 

PS: Die Interviews mit Thomas Glavinic und Andrea Stift finden Sie rechts unter „letzte Artikel“!